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Loyalität und Religionsfreiheit

In Therapie und Beratung orientiere ich mich an einem humanistischen Welt- und Menschenbild an Aufklärung, Fortschritt und Menschlichkeit. Angeregt durch die Beschäftigung mit Systemischen Denken, Philosophie, Kirchengeschichte, Humanismus und Evolutionstheorie trat ich 2015 aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus.

Das führte zwangsläufig zu Diskussionen um mein Arbeitsverhältnis in der Jugendhilfe der Rummelsberger. Dabei sind auch gesellschaftspolitisch relevante Fragestellungen berührt.

Um Die offene Gesellschaft zu stärken - und wo nötig zu verteidigen - sehe ich die Notwendigkeit einer sachlichen, öffentlichen und transparenten Diskussion. Diakonie und Caritas sind, nach dem Staat, der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands und wahrscheinlich gibt es viele weitere KollegInnen, die unter dem kirchlichen Arbeitsrecht leiden - oft genug ohne die Möglichkeit, sich selbst gegen Diskriminierung wehren zu können.

Ich stelle hier den Verlauf meiner Auseinandersetzung mit Thema und Arbeitgeber dar, in der Seitenleiste sind Links zu meinen Texten, Dokumenten und den Online-Zeitungsartikel zu finden.

  • Vor dem Austritt aus der Kirche im Oktober 2015 habe ich eine Loyalitätserklärung unterzeichnet. Darum ging ich davon aus, weiter für die Rummelsberger Jugendhilfe arbeiten zu können.
  • 2016 wurde mir, durch die von den Rummelsbergern neu beschlossene "Loyalitätsprüfung" und die damalige Auslegung der "AcK-Klausel" klar, dass ich als nichtreligiöser Mensch in den Diensten der Diakonie diskriminert werde und von Kündigung bedroht war.
  • Mit dem Schreiben "Loyalität und Religionsfreiheit" vom 11.2.2017 an meine Vorgesetzten zeigte ich meinen Widerstand, argumentierte und dokumentierte meine Meinung. Ich informierte die regionale Presse, da ich nur einer von vielen Betroffenen bin und das Thema gesellschaftlich als hoch relevant und wenig diskutiert einschätzte.

Religionsfreiheit bedeutet:
Freiheit zur Religion
UND
Freiheit von Religion.

  • In der Folge veröffentlichten die Nürnberger Nachrichten (NN) am 25.2.2017 den Artikel "Droht nun eine evangelische Inquisition?"
  • Der Vorstandsvorsitzende der Rummelsberger Pfarrer Günter Breitenbach ging, trotz der unvermindert strikten Haltung der Evangelischen Kirche Deutschlands (siehe Loyalitätsrichtline der EKD), in einem konstruktiv geführtem Zweiergespräch auf meine Argumente ein.
    Letzlich bescheinigte mir der Vorstandsvorsitzende eine schriftlich und mündlich bekräftigte loyale Haltung, die im praktischen Dienst gelebt sei, das Anstossen einer fälligen Diskussion und dass mein Austritt aus der Kirche nun "kein dienstliches Thema" mehr sei. Das konnte ich als, zwar informelle, aber von höchster Leitungsebene vertretene Bestätigung für meine korrekte berufliche Haltung verstehen.
    Kritik hatte er am Begriff "Inquisition" und der öffentlichen Auseinandersetzung. Außerdem würde diese Diskussion den innerkirchlichen Dialog zum Thema eher belasten.
  • Sechs Tage danach berichtete der NN-Redakteur Michael Kasperowitsch mit dem Artikel "Kirchenkritiker darf weiter für die Diakonie arbeiten", dass die Rummelsberger, entgegen der Möglichkeiten des kirchlichen Arbeitsrechtes, keine Kündigung wegen des Austritts aussprechen werden.
  • Am 10. März wurden noch vier Leserbriefe zu den Artikeln abgedruckt. Aus presserechtlichen Gründen kann ich sie nicht veröffentlichen. Sie zeigen aus meiner Sicht den Aufklärungsbedarf zu den Hintergründen des Themas und den hohen Grad an Emotionalität rund um religiöse Überzeugungen.
  • In der MAZ "Die Zeitung für Mitarbeitende der Rummelsberger Diakonie" AUSGABE 03 | 2017 auf Seite 9 stellen die Rummelsberger ihre Haltung zur ACK-Klausel dar. Ohne meinen Fall explizit zu benennen, wird beschrieben, "wie der Umgang mit bewährten Mitarbeitenden sein soll, die ihre Kirchenmitgliedschaft aufgeben". Und siehe da: Die Rummelsberger ermöglichten ab diesem Zeitpunkt die formale Erklärung der Loyalität, kombiniert mit einem Gespräch mit dem Dienstvorgesetzten über berufliches Verhalten und verzichten auf die vorher propagierte Loyalitätsprüfung durch einen diakonisch Beauftragten. Ich sah mich in meiner Sichtweise gestärkt.

Meine Kritik zeigte Wirkung in der Institution und hat argumentativ, stärker als vermutet, überzeugt. Die Rummelsberger Diakonie nutzte ihre Spielräume, folgte nicht der rigideren EKD-Linie und zeigte sich mir gegenüber seitdem als relativ (im Vergleich zu anderen kirchlichen Einrichtungen) toleranter Arbeitgeber.

Ich konnte seitdem offiziell als nichtreligiöser Mensch meiner Arbeit in der Rummelsberger Kinder- und Jugendhilfe nach gehen, ohne "scheinheilig" sein zu müssen.

Das ist bemerkenswert, weil sich die Kirchen in Deutschland weitgehende Sonderrechte erarbeitet haben und, gesetzlich geregelt, weder das Betriebsverfassungsgesetz noch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz anwenden müssen.
Die unzureichende Trennung zwischen Kirche und Staat sehe ich darum weiterhin als großes, ungelöstes gesellschaftliches Problem: Die Diskriminierung besteht fort, weil die Kirchen nach wie vor ihre Richtlinien zu Loyalitätsfragen "innerkirchlich" nach jeweiligem Ermessen gestalten können. Sie unterlaufen, mit Hilfe von Ausnahmen für Religionsgemeinschaften, ansonsten gültige rechtliche Standards der Gleichbehandlung.

Bis ins Frühjahr 2018 versuchte ich mich als nichtchristlicher Mitarbeiter mit der Diakonie zu arrangieren, die mich in die Klasse der Mitarbeitenden mit "anderen Aufgaben einteilt. Ich gehöre zu den Leuten die "ausnahmsweise" Aufgaben übernehmen, bei denen geprüft wird ob sie "überhaupt notwendig wahrzunehmen sind", muss dabei eine "deutlich bessere Eignung" vorweisen und von mir wird erwartet, dass ich "der Erfüllung des kirchlichen Auftrags deutlich mehr dienen [werde] wird als eine konkurrierende Person mit evangelischem Bekenntnis" usw. usf.
Noch dazu ist in der Richtlinie zu lesen: "Ein früherer Austritt aus einer christlichen Kirche lässt erwarten, dass eine Person nicht für den Dienst bei Kirche und Diakonie geeignet ist, da sie durch bewusste Abwendugn von der Kirche in besonderer Weise deren Missbilligung zum Ausdruck gebracht hat. ..."
(Zitate aus der ARR Berufliche Mitarbeit der bayerischen Diakonie)

  • Im Januar 2018 reichte ich die Kündigung zum 31. Juli 2018 ein. Mit Hinweis auf die weiterhin diskriminierenden Regelungen im kirchlichen Arbeitsrecht, mit Anerkennung für den fairen Umgang der Rummelsberger Führung im Konflikt mit mir und mit Dank für die kollegiale, fachlich hochwertige und nette Zusammenarbeit der letzten 21 Jahre.
    Das eröffnet mir jetzt die Möglichkeit, ohne gegen die Loyalitätserklärung zu verstoßen, meine Meinung offensiv und öffentlich zu vertreten.

Kirchliche Dominanz, die sich in den diskriminierenden Regeln des kirchlichen Arbeitsrechtes und durch andere Privilegien ausdrückt, ist eine nicht hin zu nehmenden Ungerechtigkeit!

Stand: 23. März 2018

Ausnahme im Antidiskriminierungsgesetz
  
Hansjörg Albrecht, Kritik am Arbeitsrecht Kirchen

Mein eigener Text (veröffentlicht am 13.2.2017) mit persönlicher Begründung meiner Haltung und abschließenden Thesen:


Presseartikel


Amtsblatt der EKD 1/17 Seite 11:

Dazu ein Interview vom 20.4.2017 mit Ingrid Matthäus-Mayer (ehemalige Bundestagsabgeordnete)


Neuregelung der ARR (Arbeitsrechtsregelung) Berufliche Mitarbeit (Anlage 9 der AVR-Bayern) vom 28.4.2017

Hier hat die bayerische Diakonie eine eigenständige Regelung getroffen, die ARR der EKD gilt daher in Bayern nicht.

Neben der Neufassung der Arbeitsvertragsrichtlinie wurde vom Diakonischen Werk in ReWiSo Heft 3/2017 noch veröffentlicht:
- eine neue Loyalitätserklärung
- ein "theologischer Hintergrund" nach Entwurf von Günter Breitenbach


Buchtipps:

Gekeler, Corinna "Loyal dienen - Diskriminierendes Arbeitsrecht bei Caritas, Diakonie und Co.", Alibri-Verlag 2013

Frerk, Carsten "Kirchenrepublik Deutschland - Christlicher Lobbyismus", Alibri-Verlag 2015


Weitere Informationen auf der Homepage der Kampagne "Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz" (GerDiA)

GerDia - Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz